Über

Sebastian Blasius, geb. 1979, Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, arbeitet als Regisseur, Choreograph, Theaterwissenschaftler und Dozent. Seine Arbeit begreift er beständig als Forschung, in der verschiedene künstlerische, theoretische und politische Strategien in einen Dialog gebracht werden. Dies führt zu einer großen Diversität der realisierten Projekte, die von Überschreibungen historischer Inszenierungen, installativen Langzeitperformances, fiktiven Konferenzen, Performances für eine:n einzelne:n Zuschauer:in sowie experimentellem Musiktheater reichen. Kontinuitäten seiner Auseinandersetzung sind die Arbeit an kulturellen Mythen, die Infragestellung genormter Seh- und Hörgewohnheiten, das Motiv des Chorischen, ebenso die Nähe zur bildenden Kunst.
In seinen ersten Inszenierungen an der Grenze von Schauspiel und Tanz griff Sebastian Blasius auf frühere, ikonographische Aufführungen zurück, um diese zunächst zu rekonstruieren und dann mit eigenen Fragestellungen zu überschreiben. Diese Arbeiten waren mit mehrschichtigen, bedeutungsoffenen Palimpsesten vergleichbar, die sich dem Anlegen herkömmlicher Maßstäbe entzogen.
Seit 2014 erarbeitet Sebastian Blasius verstärkt installative Performances, in denen das Verhältnis zwischen Zuschauenden und Ausführenden neuartig definiert wird und in denen die sichere Position der Zuschauenden gegenüber dem performativen Geschehen erodiert.
Sebastian Blasius‘ Arbeiten werden an Orten der freien Performanceszene (z.B. Mousonturm Frankfurt/Main, Ballhaus Ost Berlin, monty Antwerpen), an Stadttheatern (z.B. Düsseldorfer Schauspielhaus, Theater Krefeld, Staatstheater Kassel) sowie im Museumskontext (z.B. Kunstmuseum Bonn, Kunsthalle Düsseldorf, bauhaus100) gezeigt.
Sebastian Blasius doziert an zahlreichen künstlerischen Hochschulen und Universitäten in den Bereichen Theorie und künstlerische Praxis, darunter an der Folkwang Universität der Künste, dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen und der Ruhr Universität Bochum. Er erhielt verschiedene Arbeitsstipendien und Preise, so von der Akademie der Künste und dem NRW Kultursekretariat. Das Fachmagazin ‚Theater der Zeit‘ nannte Sebastian Blasius „eine wichtige Stimme in der aktuellen Theaterlandschaft“.

„Sebastian Blasius‘ Inszenierungen nehmen in Abhängigkeit von Raum, Thema sowie der Konstellation der beteiligten Spieler*innen ganz unterschiedliche und oft auch sehr überraschende Gestalt an. Sie widersetzen sich der hegemonialen Dimension, die im Theater wesentlich mit einem beherrschenden Blick und Blicklenkung liiert ist. Demgegenüber begreift Blasius die Bühne ästhetisch als ein Relationsgefüge, in dem die Parameter Zeit, Raumgebrauch, Spieler*innen, Bildkomposition und Publikum sich in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander szenisch modellieren. Den Modus dieser wechselseitigen Abhängigkeit belegt Blasius mit dem Begriff „Fragilität“. Es geht um die Freilegung dieser Fragilität, um ihre Genese und die Erkundung ihrer Produktivität. Wird der Einspruch gegen die fixierenden Bildeinrichtungen der Bühne konsequent gehandhabt, wird unweigerlich der Raum zu einem Akteur, der unverfügbar bleibt. Die chorische Dimension des Theaters tritt hervor, die als solche mit Kräften diesseits des protagonistischen Prinzips verbunden ist: mit der Komposition anstelle der Position, mit der musikalisch wirkenden Relation anstelle der Konzentration auf das Subjekt, mit den migrantischen und ökologischen Dimensionen von Subjektivierung anstelle von Selbstbehauptungen, mit dem Rhythmus des Sprechens anstelle der sprachlichen Mitteilung.
Theaterarbeiten von Sebastian Blasius zeichnen sich dadurch aus, dass sie anhand der genannten Parameter mit dem Relationsgefüge der Bühne als einer offenen Struktur arbeiten. Er begreift dies, sowohl in theoretischer als auch in theaterpraktischer Hinsicht, als Arbeit an der Theaterform. Eine solche Arbeit wird gegenwärtig immer seltener. Großflächig und sehr zum Nachteil für das Theater wird sie durch ein oberflächlich aktuell wirkendes Diskurs- und Thementheater verdrängt, das sich glänzend mit der Betriebsform des Theaters verträgt, aber nicht mit seiner Kunst.“
(Prof. Dr. Ulrike Haß)

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