CHÖRE DES SPEKULATIVEN (2020)

Im antiken Drama war der Chor zentrales Element auf dem Theater – er fand seinen Platz zwischen den Protagonist*innen und dem Publikum. Mit dem Theater der Neuzeit verschwand er tendenziell von den Bühnen und mit ihm die kommentierende oder infragestellende Stimme des Kollektivs. ‚Chöre des Spekulativen‘ mutmaßt, was der Chor zu den Texten und Szenen der Neuzeit zu sagen, wie er sich zu ihnen verhalten hätte, wäre er nicht von ihnen ausgeschlossen worden: Wie hätte er sich positioniert zum Theater des Barock, zum Theater der Aufklärung, wie zum Theater der Nachkriegszeit? Wie hätte er diese Szenerien, die zumeist das Individuum ins Zentrum stellen, kommentiert, wie sie konterkariert, wie hätte er ihnen beigewohnt? ‚Chöre des Spekulativen‘ lädt ein zur Begegnung mit einem Chor, der sich spekulativ-retrospektiv wesentlichen Stationen der Theatergeschichte annähert. Autor*innen aus Jordanien, Brasilien, China, der Türkei, Marokko, Burkina Faso, Griechenland und Deutschland schreiben nachträglich chorische Stimmen in stilbildende Szenen des ‚westlichen Kanons‘ hinein und perspektivieren sie dadurch neu. In einer szenischen Installation werden die Zuschauer*innen Teil einer mobilen Gemeinschaft, die ihre Perspektive(n) stetig neu wählen kann. (Durch Covid-19 konnte diese Arbeit bislang nicht wie geplant uraufgeführt werden.)

Regie: Sebastian Blasius / Raum: Mark Lammert / Dramaturgie: Dirk Baumann

Mit: Berit Jentzsch, Leonard Dick, Alexandra Finder, Fabian Hagen, Maria Helgath, Jasmina Music, Mariann Yar, Katharina Palm

Mit Texten von Ebru Nihan Celkan, Vinicius Jatobá, Amahl Khouri, Paul P. Zoungrana, Karima El Kharraze, deufert + plischke, Zhu Yi, Björn SC Deigner, Antigone Akgün, Sophokles, Henrik Ibsen, Jean Racine, Molière, Samuel Beckett, William Shakespeare, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller u.a.

(UN)GERÜSTET ZUM LEBENSKAMPF (2019)

Das Projekt im Kontext von ‚Bauhaus100‘ in Krefeld verbindet Elemente des Swingtanzens mit der Archaik des Boxens, um die Utopie des Bauhauses ebenso wie unsere Gegenwart zu befragen. Im Zentrum der installativen Performance steht ein Buzzer aus dem Kontext von Quizshows. Damit performative Sequenzen im Raum passieren, muss jemand der Zuschauer*innen ihn betätigen. Hörbar wird dann Swing, einige Performer*innen treten hervor und tanzen gekonnt, auch die Zuschauer*innen können nach Belieben einsteigen. Die Swingsequenzen dauern einige Momente an, brechen dann ab und werden erst auf erneuten Knopfdruck fortgesetzt. Aus den Tanzsequenzen schält sich allmählich ein Boxkampf heraus, der den Mechanismus des Buzzerdrückens mit realer Gewalt kurzzschließt und mehrere gesellschaftliche Fragen aufwirft. Auch zur Fortsetzung des Boxkampfs muss stets der Buzzer gedrückt werden. Die Zuschauer*innen sehen sich in einen Dissens verwickelt, ihre Schaulust zu befriedigen oder durch ausbleibendes Buzzerdrücken das Ende der Aufführung zu verantworten – sie müssen sich selbst aktiv zu Fragen der Solidarität verhalten.

Regie: Sebastian Blasius / Installation: Ralf Ziervogel / Sound: Bojan Vuletic
Performance: Miriam Arnold, Alina Reißmann, Jakob Boeckh, Gabriel Carneiro, Adrian Sky Karategin, Gabriel Ruscic

DIE RÄUBER DER GESCHICHTE (2018/19)

DIE RÄUBER DER GESCHICHTE ist ein Format an der Schnittstelle von Symposium, Installation und Performance. Sebastian Blasius hat vier Autor*innen und Wissenschaftler*innen beauftragt, einen möglichen anderen Verlauf der Geschichte zwischen Westeuropa und dem Nahen Osten auszuformulieren. Im Zentrum die Fragen: Was wäre wenn? Wer könnten wir sein?
Die gängigen Vorstellungen von einer Rückständigkeit des Westens gegenüber dem Iran seien nicht länger haltbar, heißt es in einem Text. Ein anderer mutmaßt, wie sich ein interkultureller Dialog mit den osmanischen Unterdrückern gestalten ließe. Performt von Anne Tismer, entstehen Zerrbilder unserer Wirklichkeit, in denen implizit neue Perspektiven auf unsere Version der Geschichte, aber auch auf unser Selbstverständnis aufscheinen. Die Nähe zu Fake News scheint greifbar, dabei so präzise formuliert, dass man fast selbst daran zu glauben beginnt.

Regie: Sebastian Blasius // Performance: Anne Tismer / Alina Reissmann, Marina Aikaterini Rouka, Eloisa Arreola, Anna Kempin, Blue Sahiti // Video: Ian Purnell // Dramaturgie: Dirk Baumann
Auf der Grundlage von Texten von: Dr. Behrang Samsami, Dr. Huda Zein, Gerrit Wustmann, Dr. Asiem El Difraoui

„Eine Performance, (…) die das westeuropäische Selbstverständnis infrage stellt. Eine ambitionierte, anspruchsvolle Herausforderung für die Zuschauerinnen und Zuschauer und die Darstellerinnen auf der Bühne.“
Radio Köln

VANITAS (2017/18)

Nach CHIMAIRA (2016) ist VANITAS eine weitere installative Performance für eine/n einzelne/n Zuschauer*in. Alle 30 Minuten betritt ein Besucher den Aufführungsraum. Zuvor bekommt er ein Armband angelegt, mit dem sein Puls laut hörbar wird. Im Raum befindet sich eine lange Tafel, an der bereits zahlreiche Personen sitzen, am Kopfende ist noch ein Platz für den Besucher frei. Die Personen am Tisch bewegen sich im Takt der Pulsfrequenz des Besuchers, sie schauen ihn eindringlich an, Texte werden gelesen, so zur Niederbrennung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg. Nach und nach stehen die Darsteller auf und verlassen den Raum, bis der Besucher am Ende allein bleibt und auch sein Puls verstummt. VANITAS ist ein Kammerspiel und imaginäres Tischgespräch über Zugehörigkeit, Identität, Werden und Vergehen in Zeiten der Globalisierung.
Die Arbeit wurde ausgezeichnet mit einem der GROUND SUPPORT-Preise des NRW Kultursekretariats im Rahmen des FAVORITEN Festivals 2018.

Regie: Sebastian Blasius // Sound: Klaus Janek // Mit: Norman Grotegut, Silvia Westenfelder, Anna Kempin, Thomas Nellen, Eloisa Arreola, Alina Reissmann, Vincent Wodrich, Florin Engels, Miriam Arnold, Nicolay Kaps, Hannah Sampé, Jonathan Tillmann, Lino Jötten

„Am eindrücklichsten spielt ‚Vanitas‘ mit der Unsicherheit des Betrachters als mit etwas, das sich im Puls niederschlägt, körperlich. Die große Qualität liegt dabei in den Details. (…) ‚Vanitas‘ reiht sich nicht einfach in die Serie >immersiver< Theaterarbeiten ein, es löst sie vielmehr zugleich – von innen – auf. (…) (Es lässt) uns den irreduziblen Rest unserer unauflösbaren Andersheit erfahren. (…) Von dieser Erfahrung her müsste (…) jedes sich immersiv nennende Theater (…) neu beleuchtet werden.“
Theater heute

„Unsicherheit überrollt einen. Die dann erklingenden Texte verstärken das Gefühl der Überforderung noch einmal.“
Theater der Zeit

„So schreit ‚Vanitas‘ einen mit all seinen klugen Referenzen und choreografierten Effekten an, wie sehr man sich schuldig macht durchs stumme Dasein (…).“
Kölner Stadt-Anzeiger

OSMO (2017)

Beethovens letztes Streichquartett trifft auf eine Installation trifft auf Publikum. OSMO ist ein Langzeitformat über mehrere Stunden, Besucher können den Zeitpunkt ihres Kommens und Gehens selbst bestimmen. Im Raum läd eine raumgreifende Bodenzeichnung aus Salz, herumliegende Briefe sowie ein Rondell aus Vorhängen zum Umhergehen ein. Die dabei entstehenden Geräusche – etwa das Knirschen der Schritte auf der Salzfläche – wirken ebenso wie die physische Anwesenheit der Besucher auf das Spiel des Streichquartetts ein, fordern das ungestörte, intime Zusammenspiel dieser abendländischen ‚Königsgattung der Kammermusik‘ heraus. Wie lässt sich also ein bestehendes System – hier das des Quartetts – auf andere, fremde Einflüsse öffnen, ohne die ihm eigenen Prinzipien aufzugeben? Wie lassen sich diese externen Informationen in das Quartettspiel aufnehmen, ohne sie allzu selbstverständlich zu integrieren oder sie partout außen vor zu lassen? Wie lassen sich die Grenzen eines Systems überschreiten, ohne sie aufzuheben? Im Gegenzug beeinflusst das Spiel des Quartetts gerade in seinen rhythmischen oder klangstarken Passagen wiederum die Bewegungen der Besucher im Raum. Es entsteht ein osmotischer Prozess, eine gegenseitige Einflussnahme, die die klassische Trennung zwischen den Disziplinen, aber auch zwischen Zuschauern und Performern verschwimmen lässt.

„With OSMO (…) Sebastian Blasius has directed a musical performance with Berlin’s Sonar Quartett that hardly anyone can recognise as a musical performance. Grating sounds, such as a bow across the hollow wood of a violin, are woven into familiar bursts of classical music. Recordings of children reciting the capitals of countries become a metronome. The musicians keep moving around, and so do the audience.
What results is a space where the line between performer and spectator is blurred. There is also a blurring of the lines separating the arts, so one is constantly stimulated in surprising ways. The ever changing constellations of people, lights, sounds and visuals creates something completely fresh and original. An engaging experience.“
englishmaninberlin.wordpress.com

Regie: Sebastian Blasius
Mit: Sonar Quartett
Raum: Ralf Ziervogel
Sound: Björn SC Deigner

DAS KOMMENDE VERSCHWINDEN (2017)

Preenactment einer fiktiven Konferenz von Sebastian Blasius

Wir schreiben das Jahr 2045 und befinden uns in einer Dystopie: Der Rechtspopulismus hat die Oberhand gewonnen und linke Positionen an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt; nicht enden wollende Migrationsströme führen zu einer Abschottung Europas und ausufernden Auffanglagern an den Außengrenzen; Terrorismus ist zum Alltagsphänomen geworden und die Digitalisierung hat circa die Hälfte aller Arbeitsplätze ersetzt. Die Entwicklungen seit 2017 hätten für den Großteil der Bevölkerung nicht schlechter laufen können. All jene Privilegierten, die es trotz oder gerade wegen dieser Umstände zu etwas gebracht haben, ziehen sich in Gated Communities zurück. Alle anderen, die »Unnützen«, deren Fähigkeiten nicht mehr profitabel, deren Leben volkswirtschaftlich »wertlos« geworden ist, leben hochgradig prekär, nomadisch und oftmals wohnungslos.
Für »Das kommende Verschwinden« hat Sebastian Blasius sieben Wissenschaftler*innen u.a. aus Sozialwissenschaft, Migrationsforschung, Architektur, Technik und Philosophie eingeladen, sich das oben beschriebene Szenario vorzustellen. Aus der Perspektive ihres Faches halten die Forscher*innen nun einen Vortrag im Rahmen einer fiktiven Konferenz. Retrospektiv schauen sie von 2045 auf 2017 zurück und analysieren die Gesellschaft unserer Gegenwart: Was waren unsere Handlungsräume, die Dystopie zu verhindern? Welche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten hatten wir, die wir übersehen haben – und warum? Welche Gefahren haben wir ignoriert, welche Optionen verpasst, welche Utopien gegen kurzfristiges Handeln eingetauscht? Wie gedenken wir all jenen, die den Kampf um ein einträgliches Leben verloren haben? Sechs Künstler*innen haben Entwürfe für ein fiktives Memorial erarbeitet, das an die Opfer dieser Entwicklung erinnern soll. Diese sind zeitgleich zur Konferenz in Form einer Ausstellung zu sehen. Es handelt sich um Memorialentwürfe von: Manaf Halbuni, Artúr von Balen, Frank Campoi, Elisabeth Maier/Ralph Drechsel, Christoph Korn, ongoing project
»Das kommende Verschwinden« ist eine interdisziplinäre Arbeit an den Grenzen von wissenschaftlichem Symposium, Theateraufführung und Bildender Kunst. Sie verwebt verschiedene Realitäts- und Fiktionsebenen und spielt gleichermaßen mit Elementen des Dokumentarischen sowie der Fiktion.

Die Konferenz versammelte folgende Wissenschaftler*innen und Vorträge:
PD Dr. Michael Hirsch (Politikwissenschaftler), München: Self-fulfilling prophecies – Dystopische Zukunftsbilder vom Kampf aller gegen alle // Ceren Türkmen, Migrationsforscherin (Gießen): Flucht aus Europa: Von der Zerschlagung der Kanaksta-Rebellion zur Neuerfindung der weißen Rasse (2017 – 2047) // Prof. Dr. Knut Ebeling, Archivforscher (Berlin): 2045 – Das Gedächtnis der Gegenwart // Prof. Dr. Klaus Mainzer, Experte für Big Data und Künstliche Intelligenz (München): Technisch-wissenschaftlicher Alltag 2045 diesseits und jenseits von Utopie und Dystopie // Dr. Saskia Hebert, Stadtforscherin/Architektin (Berlin/Braunschweig): Infra Muros: Liminale Räume und das Verschwinden des Außen // Georg Dickmann, Experte für Science Fiction und Posthumanismus (Berlin): Narkopolis 2045. Was bleibt nach dem pharmakopolitischen Regime? // Dr. Asiem El Difraoui, Politologe/Filmemacher/Terrorismusforscher (Paris): Das blutende Meer – Zum Clash of Civilisations zwischen der arabisch-islamischen Welt und den Vereinigten Staaten von Europa

Performer*innen: Anne Tismer, Mélanie Fouché, Brigitta Schirdewahn, Edward Serban, Amahl Khouri, Korinna Krauss, Sina Heiss, Vedran Lovric

Konzept & Regie: Sebastian Blasius / Co-Autorin: Saskia Hennig von Lange / Raum: Frank Campoi / Video: Eric Berthiaume / Dramaturgie & Grafik: Daniel Franz / Technische Leitung: Andreas Rehfeld / Regieassistenz: Arne Schirmel / Choreografische Mitarbeit: Nuria Hoeyng / Pressearbeit: Kathrin Schäfer KulturPR

Verschwommen ist von außen durch den weißen Schleier zu erkennen, was drinnen geschieht. (…) Man ist stiller Zuhörer und Beobachter dieses langen Schauspiels, (…) man (ist) selbst ein Flüchtling, ein Ausgestoßener, denn es ist eine große Kluft zwischen Besucher und Redner gegeben und eindeutig zu spüren. Absichtlich dringen die Reden nicht nach außen, sind zu leise, unverständlich. Expertise für Experten, Theorien für Theoretiker. Knallhart wird so auch auf die Bildungsschere in unserer Gesellschaft angespielt. Wenn man nah an den Vorhang tritt und stillschweigend lauscht, versteht man einigermaßen, wovon gesprochen wird. Und das Nahdransein erlaubt wiederum die Entlarvung der gesamten Bühnensituation. (…) Dass die Konferenz im Jahr 2045 angesetzt ist, ergibt deswegen Sinn, da die Entwicklung bis dahin gut vorausgesagt werden kann. (…) Die sieben dargebotenen Vorträge stammen von sieben renommierten, existierenden Wissenschaftlern und Experten, die einen Blick (aus der) Zukunft wagen. (…) Blasius, seine Experten und die etlichen Performer (…) zeigen, wohin sich unsere Gesellschaft bis zum Jahre 2045 verändert haben wird. Soziales Fressen und Gefressen werden.“
tanznetz.de

CHIMAIRA (2016)

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CHIMAIRA ist eine Arbeit an der Grenze von Installation und Performance. Alle 30 Minuten kann ein einzelner Zuschauer den Raum betreten, wo er von einem großen weißen Quadrat auf dem Boden und liturgischen Gesängen empfangen wird. Hier beginnt ein Spiel mit der Frage, inwiefern die Prozesse im Raum für ihn inszeniert sind oder durch ihn erst hervorgebracht werden: So verursachen die Bewegungen des Besuchers subtile, technizistisch anmutende Sounds und begleiten seine Schritte, zugleich wird er nach einiger Zeit von diesen Sounds mit beeinflusst. Ist man also wirklich allein? Ist man Zuschauer, Beobachteter, Performer oder alles gleichzeitig? Und wer ist die grazile ältere Dame, die plötzlich auftaucht, einen anlächelt, eine Pflanzenfabel spricht und wieder ihrer Wege geht – ein gealterter Klon, eine Schimäre, eine Allegorie, ein Cyborg? Im Zusammenspiel von Sound, Licht, Installation und Performance befragt die Arbeit die Identität des Humanen im Spannungsfeld von Digitalisierung, Posthumanismus und der Fehlbarkeit des Menschen.

„Intensiver kann eine Theatererfahrung kaum sein. Irritierender auch nicht.“
Bonner Generalanzeiger

Regie und Raum: Sebastian Blasius
Performance: Brigitta Schirdewahn
Dramaturgie: Daniel Franz
Sound: Tobias Rosenberger, Klaus Janek

M O B I L E (2015)

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Die Zuschauer befinden sich zusammen mit den Tänzern auf einem raumgreifenden Bodenbild, in der Mitte steht ein roter Buzzer. Wird er gedrückt, erklingt ein Sound, Tänzer beginnen sich zu bewegen, das Licht verändert sich. Zusehends entfaltet sich ein Nebeneinander aus Elementen der Sub- und Hochkultur, des zeitgenössischen Tanzes, der Wellness, des Maschinehaften und des Kommerzes, das auch die Besucher immer mehr einbindet. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ein Alternative-Beat à la ‚Die Antwoord‘ läd zum Tanzen ein, aber tanzt man noch mit, wenn sich Werbe-Jingles unter den Beat mischen? Wie lässt sich in dieser Gleichzeitigkeit, in diesen hybriden Konstellationen relevant agieren? In Verbindung von Choreographie, Installation und Sound versucht M O B I L E die Ambivalenzen der Prinzipien des Mobilen und Hybriden spürbar werden zu lassen.

Choreografie auf Knopfdruck – das sorgt für Druck beim umstehenden Publikum. Der rote Knopf etwa in der Mitte des Raums, den das Publikum gemüßigt ist zu drücken, simuliert den Fortgang der Welt durch Aktivierung einer Maschine, als wäre dies die ganz große Allegorie unserer Weltsicht. (…) Wenn das Publikum den Knopf drückt, um den Fortgang der Choreografie M O B I L E von Sebastian Blasius zu fordern, dann erwartet es wohl eine Fortsetzung der Geschichte, eine lineare Entwicklung als Fortschritt oder Besserung der Verhältnisse. Aber nichts tritt ein, (…) weil dies der Realität auch weit eher entspricht als der Versuch, den Ausgang der Geschichte durch das permanente Erhöhen des Drucks durch Verlangen nach noch mehr Gehorsam, Moral oder Gesetzen zu beeinflussen.“
Arnd Wesemann (Chefredakteur „tanz“)

Konzept, Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Raum: Ralf Ziervogel
Sound: Björn SC Deigner
Performance: Joris Camelin, Martin Hansen, Zufit Simon, Maya Weinberg u.a.

HYPERION ++ (2015)

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Ein Solo-Projekt mit Jan Dieter Schneider („Die andere Heimat“) zu Politik und Ästhetik

Wie kann das Theater politisch relevant handeln? Um dieser Frage nachzugehen, collagiert der Abend HYPERION++ Texte von Hölderlin, Büchner und des Comité Invisible, denen Jan Dieter Schneider in diesem Soloabend nuancenreich nachspürt. Man hört – in hymnischer Sprache – Rassentheorien des späten 18. Jahrhunderts und im nächsten Moment Aufrufe zur Revolution, die kurz darauf wieder verhallen. Oder doch nicht?  Der Theaterabend HYPERION ++ lotet den Schwebezustand zwischen Deklamation, Agitation, Handlungsverzicht und Melancholie aus.
In Edgar Reitz‘ preisgekröntem Film „Die andere Heimat“ (2013) spielte Jan Dieter Schneider die Hauptfigur des Jakob Simon, die eine Form des Widerstands gegen die Prämisse der Nützlichkeit leistet. Vielleicht, so die These des Abends, lässt sich durch die Betonung des Ästhetischen das Gegenteil des agitativen Widerstands herbeiführen und stattdessen ein viel größerer Zweifel an den gegenwärtigen Lebensbedingungen formulieren.

Regie: Sebastian Blasius
Performance: Jan Dieter Schneider

VERHALTET EUCH RUHIG (2014)

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Ein 6-Stunden-Format über Widerstand, Kunst und Möglichkeiten des Partizipierens und Zuschauens
U.a. mit Erdem Gündüz, dem „Standing Man“ vom Taksim Platz

Was geschieht, wenn man Elemente realer Aufstände in den Kontext der Kunst überführt? Wenn wir Sprechchören vom Tahrir-Platz, Aufrufen zum Ungehorsam, dem ‚Standing Man‘ vom Taksim-Platz im Museum wiederbegegnen? Kann Kunst in besonderem Maße widerständig sein, wenn sie Formen des realen Protests in sich aufnimmt? Oder kann die Kraft der Revolte auch Konventionen der Kunst sprengen? VERHALTET EUCH RUHIG ist ein 6-stündiges Langzeit-Format an der Grenze von Choreographie und Bildender Kunst, bei dem die Besucher*innen den Zeitpunkt ihres Kommens und Verlassens selbst bestimmen können.
Teil des Projekts ist, Erdem Gündüz, der im Rahmen der Proteste um den Gezi-Park 2013 als ‚Standing Man‘ vom Taksim Platz zur Ikone des gewaltfreien Widerstands wurde, einzuladen und sein mehrstündiges Stehen in einem Raum der Kunst zu wiederholen, es zu re-enacten. Besucher können sich solidarisch dazustellen oder die Akteurwerdung anderer von außen betrachten, so dass die Performance zwischen Aktivismus und choreografischer Formation zu changieren beginnt und ein Schwebezustand zwischen Musealisieren und Reaktivieren von Gündüz` Protestgeste entsteht.
Das Projekt unterläuft die klassische Trennung von Zuschauern und Ausführenden und befragt die Möglichkeit von politischer Veränderung sowohl durch Aufstände als auch durch ein künstlerisches Medium.

„Die Performer zitieren sich (…) wechselseitig, antworten aufeinander und stecken mit ihrem Tun womöglich auch einige Beobachter an. Parallel zum Geschehen spuckt ein Apparat einzelne Blätter des Traktats ‚Der kommende Aufstand‘ aus. Die Anlage der Performance ermöglicht Teilhabe und Zusammenschluss, sie eröffnet dank einer gewissen Unbestimmtheit einen Assoziationsraum mit vielen Verknüpfungsmöglichkeiten.“
„tanz“, 07/2015

Konzept/Realisierung: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Raum: Ralf Ziervogel
Sound: Christoph Korn
Mit: Erdem Gündüz (‚Standing Man‘ vom Taksim Platz), Jan Dieter Schneider, Antje Velsinger, Maya Weinberg, Eduard Mont de Palol, Brigitta Schirdewahn, Brygida Ochaim