PARTITA SHELTER ist eine Performance über Instabilität und Ungeschütztsein. Sie verschiebt den Aufführungsraum von einem Ort vermeintlicher Sicherheit zu einem Ort der Verunsicherung. Die privilegierte Position des Publikums – geschützt im Theaterraum und mit dem Anspruch, das Geschehen aus souveräner Distanz zu überblicken – wird selbst zum Gegenstand der Aufführung. Indem diese Ordnung ins Wanken gerät, schärft sie die Wahrnehmung für die Bedingungen, die unsere Position als Betrachtende überhaupt erst ermöglichen. Der syrische Schauspieler Raafat Daboul spricht Texte, in denen obdachlose Menschen ihre Lebenswirklichkeit beschreiben: Erfahrungen von Ungeschütztsein, Solidarität und ihrem Ausbleiben sowie präzise Beobachtungen einer Gesellschaft, die an ihnen vorübergeht. Dem gegenüber stehen Solostücke für Violine von Johann Sebastian Bach, gespielt von Barockgeiger Augustin Lusson. Musik und Texte geraten in wechselseitige Reibung: Bachs Musik wird durch die Erzählungen neu hörbar, während die Musik den Erzählungen Aufmerksamkeit und Würde verleiht, ohne die Gegensätze aufzulösen. Auch die Position des Publikums gerät ins Wanken. Der Blick der obdachlosen Erzähler:innen richtet sich auf ihre privilegierte Umgebung und macht die Zuschauer:innen selbst zum Gegenstand der Betrachtung. Zugleich wird die räumliche Ordnung des Theaters destabilisiert: Perspektiven und Grenzen zwischen Bühne, Zuschauerraum und Außenwelt werden porös. So wird PARTITA SHELTER zu einem Laboratorium des Mit-Seins und des Aushaltens von Verschiedenheit. Die Performance fragt, was geschieht, wenn die Sicherheit des Aufführungsraums und die Gewissheit, unbeteiligt zu sein, brüchig werden – und macht das gemeinsame Aushalten dieser Unsicherheit zur Voraussetzung einer veränderten Wahrnehmung.
Konzept: Sebastian Blasius / Barockvioline: Augustin Lusson / Performance: Raafat Daboul // Text: entstanden auf Grundlage von Gesprächen mit Obdachlosen

