VANITAS (2017/18)

Nach CHIMAIRA (2016) ist VANITAS eine weitere installative Performance für einen einzelnen Zuschauer. Alle 30 Minuten kann ein Besucher den Aufführungsraum betreten. Zuvor bekommt der Zuschauer ein Armband angelegt, mit dem sein Puls laut hörbar wird. Im Raum befindet sich eine gedeckte Tafel, an der bereits zahlreiche Personen sitzen, ein Stuhl am Kopfende ist noch für den Besucher frei. Alles, was in diesem Raum passiert – die Gesten der Essenden oder das Lesen von Texten (z.B. über den 30jährigen Krieg) – geschieht im Pulsrhythmus des Besuchers. Nach jedem gelesenen Text stehen einige Personen auf und verlassen den Raum, bis der Besucher am Ende allein bleibt und auch sein Puls verstummt.

Regie: Sebastian Blasius // Sound: Klaus Janek // Mit: Norman Grotegut, Silvia Westenfelder, Anna Kempin, Thomas Nellen, Eloisa Arreola, Alina Reissmann, Vincent Wodrich, Florin Engels, Miriam Arnold, Nicolay Kaps, Hannah Sampé, Jonathan Tillmann, Lino Jötten

„Es ist das eigene Unwohlsein, das diese Performance so besonders macht.“
Kölnische Rundschau

„So schreit ‚Vanitas‘ einen mit all seinen klugen Referenzen und choreografierten Effekten an, wie sehr man sich schuldig macht durchs stumme Dasein (…).“
Kölner Stadt-Anzeiger

OSMO (2017)

Beethovens letztes Streichquartett trifft auf eine Installation trifft auf Publikum. OSMO ist ein Langzeitformat über mehrere Stunden, Besucher können den Zeitpunkt ihres Kommens und Gehens selbst bestimmen. Im Raum läd eine raumgreifende Bodenzeichnung aus Salz, herumliegende Briefe sowie ein Rondell aus Vorhängen zum Umhergehen ein. Die dabei entstehenden Geräusche – etwa das Knirschen der Schritte auf der Salzfläche – wirken ebenso wie die physische Anwesenheit der Besucher auf das Spiel des Streichquartetts ein, fordern das ungestörte, intime Zusammenspiel dieser abendländischen ‚Königsgattung der Kammermusik‘ heraus. Wie lässt sich also ein bestehendes System – hier das des Quartetts – auf andere, fremde Einflüsse öffnen, ohne die ihm eigenen Prinzipien aufzugeben? Wie lassen sich diese externen Informationen in das Quartettspiel aufnehmen, ohne sie allzu selbstverständlich zu integrieren oder sie partout außen vor zu lassen? Wie lassen sich die Grenzen eines Systems überschreiten, ohne sie aufzuheben? Im Gegenzug beeinflusst das Spiel des Quartetts gerade in seinen rhythmischen oder klangstarken Passagen wiederum die Bewegungen der Besucher im Raum. Es entsteht ein osmotischer Prozess, eine gegenseitige Einflussnahme, die die klassische Trennung zwischen den Disziplinen, aber auch zwischen Zuschauern und Performern verschwimmen lässt.

„With OSMO (…) Sebastian Blasius has directed a musical performance with Berlin’s Sonar Quartett that hardly anyone can recognise as a musical performance. Grating sounds, such as a bow across the hollow wood of a violin, are woven into familiar bursts of classical music. Recordings of children reciting the capitals of countries become a metronome. The musicians keep moving around, and so do the audience.
What results is a space where the line between performer and spectator is blurred. There is also a blurring of the lines separating the arts, so one is constantly stimulated in surprising ways. The ever changing constellations of people, lights, sounds and visuals creates something completely fresh and original. An engaging experience.“
englishmaninberlin.wordpress.com

Regie: Sebastian Blasius
Mit: Sonar Quartett
Raum: Ralf Ziervogel
Sound: Björn SC Deigner

DAS KOMMENDE VERSCHWINDEN (2017)

Preenactment einer fiktiven Konferenz von Sebastian Blasius

6. + 7. Oktober 2017

15:00 bis 22:00 Uhr im schwere reiter und PATHOS Atelier, München

ZUM PROJEKT
Wir schreiben das Jahr 2045 und befinden uns in einer Dystopie: Der Rechtspopulismus hat die Oberhand gewonnen und linke Positionen an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt; nicht enden wollende Migrationsströme führen zu einer Abschottung Europas und ausufernden Auffanglagern an den Außengrenzen; Terrorismus ist zum Alltagsphänomen geworden und die Digitalisierung hat circa die Hälfte aller Arbeitsplätze ersetzt. Die Entwicklungen seit 2017 hätten für den Großteil der Bevölkerung nicht schlechter laufen können. All jene Privilegierten, die es trotz oder gerade wegen dieser Umstände zu etwas gebracht haben, ziehen sich in Gated Communities zurück. Alle anderen, die »Unnützen«, deren Fähigkeiten nicht mehr profitabel, deren Leben volkswirtschaftlich »wertlos« geworden ist, leben hochgradig prekär, nomadisch und oftmals wohnungslos.

Für »Das kommende Verschwinden« hat Sebastian Blasius sieben Wissenschaftler*innen u.a. aus Sozialwissenschaft, Migrationsforschung, Architektur, Technik und Philosophie eingeladen, sich das oben beschriebene Szenario vorzustellen. Aus der Perspektive ihres Faches halten die Forscher*innen nun einen Vortrag im Rahmen einer fiktiven Konferenz. Retrospektiv schauen sie von 2045 auf 2017 zurück und analysieren die Gesellschaft unserer Gegenwart: Was waren unsere Handlungsräume, die Dystopie zu verhindern? Welche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten hatten wir, die wir übersehen haben – und warum? Welche Gefahren haben wir ignoriert, welche Optionen verpasst, welche Utopien gegen kurzfristiges Handeln eingetauscht? Wie gedenken wir all jenen, die den Kampf um ein einträgliches Leben verloren haben? Sechs Künstler*innen haben Entwürfe für ein fiktives Memorial erarbeitet, das an die Opfer dieser düsteren Entwicklung erinnern soll. Diese werden zeitgleich zur Konferenz im PATHOS Atelier zu sehen sein.

»Das kommende Verschwinden« ist eine interdisziplinäre Arbeit an den Grenzen von wissenschaftlichem Symposium, Theateraufführung und Bildender Kunst. Sie verwebt verschiedene Realitäts- und Fiktionsebenen und spielt gleichermaßen mit Elementen des Dokumentarischen sowie der Fiktion.

PROGRAMM

Der Einlass befindet sich im PATHOS Atelier
Pathos ATELIER
15:00 – 22:00 Ausstellung der Memorialentwürfe zum Gedenken an all jene, die den Kampf um ein einträgliches Leben verloren haben.

Mit Entwürfen von: Artúr von Balen, Frank Campoi, Elisabeth Maier/Ralph Drechsel, Manaf Halbouni, Christoph Korn, ongoing project

schwere reiter
16:00 – 16:15 Begrüßung / Einführung

16:15 – 17:00 PD Dr. Michael Hirsch, Politikwissenschaftler, München
Self-fulfilling prophecies – Dystopische Zukunftsbilder vom Kampf aller gegen alle

17:00 – 17:45 Ceren Türkmen, Migrationsforscherin, Gießen
Flucht aus Europa: Von der Zerschlagung der Kanaksta-Rebellion zur Neuerfindung der weißen Rasse (2017 – 2047)

17:45 – 18:00 Pause

18:00 – 18:45 Prof. Dr. Knut Ebeling, Archivforscher, Berlin
2045 – Das Gedächtnis der Gegenwart

18:45 – 19:30 Prof. Dr. Klaus Mainzer, Experte für Big Data und Künstliche Intelligenz, München
Technisch-wissenschaftlicher Alltag 2045 diesseits und jenseits von Utopie und Dystopie

19:30 – 20:15 Dr. Saskia Hebert, Stadtforscherin/Architektin, Berlin/Braunschweig
Infra Muros: Liminale Räume und das Verschwinden des Außen

20:15 – 20:30 Pause

20:30 – 21:15 Georg Dickmann, Experte für Science Fiction und Posthumanismus, Berlin
Narkopolis 2045. Was bleibt nach dem pharmakopolitischen Regime?

21:15 – 22:00 Dr. Asiem El Difraoui, Politologe/Filmemacher/Terrorismusforscher, Paris
Das blutende Meer – Zum Clash of Civilisations zwischen der arabisch-islamischen Welt und den Vereinigten Staaten von Europa

Performer*innen: Anne Tismer, Mélanie Fouché u.a.

TEAM
Konzept & Regie: Sebastian Blasius
Co-Autorin: Saskia Hennig von Lange
Raumgestaltung: Frank Campoi
Video: Eric Berthiaume
Dramaturgie & Grafik: Daniel Franz
Technische Leitung: Andreas Rehfeld
Produktionsassistenz: Arne Schirmel
Choreografische Mitarbeit: Nuria Hoeyng
Pressearbeit: Kathrin Schäfer KulturPR

Gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München

Anstehende Aufführungstermine:
Premiere der Neuproduktion (Köln/Berlin) DIE RÄUBER DER GESCHICHTE, einer Arbeit an der Grenze von Dokumentation und Fiktion.
21.02.2019 (Premiere) DIE RÄUBER DER GESCHICHTE FWT Köln
22.02.2019 DIE RÄUBER DER GESCHICHTE
10.04.2019 DIE RÄUBER DER GESCHICHTE
11.04.2019 DIE RÄUBER DER GESCHICHTE
12.04.2019 DIE RÄUBER DER GESCHICHTE
Vier Versionen eines alternativen Weltverlaufs, im Zentrum die Frage: Was wäre wenn?
Die gängigen Vorstellungen von einer Rückständigkeit des Westens gegenüber dem Iran seien nicht länger haltbar, heißt es in einem Text – ein anderer mutmaßt, wie sich ein interkultureller Dialog mit den osmanischen Unterdrückern gestalten ließe. Regisseur Sebastian Blasius hat vier Autor*innen und Wissenschaftler*innen beauftragt, einen möglichen alternativen Geschichtsverlauf zwischen Westeuropa und dem Nahen Osten auszuformulieren. Performt von Anne Tismer entstehen Zerrbilder unserer Wirklichkeit, in denen implizit neue Perspektiven auf unsere Version der Geschichte aufscheinen. Die Nähe zu Fake News scheint greifbar, dabei so präzise formuliert, dass man fast selbst daran zu glauben beginnt. Vor allem aber: Was würde eine Gruppe von Bonobo-Affen zu alldem sagen?

Performance: Anne Tismer / Video: Ian Purnell / Dramaturgie: Dirk Baumann
Auf der Grundlage von Texten von: Behrang Samsami, Huda Zein, Gerrit Wustmann, Asiem El Difraoui

In Planung: (UN)GERÜSTET ZUM LEBENSKAMPF (AT)
Eine performative Installation im Kontext von Bauhaus100 (September 2019)

Sebastian Blasius ist mit seiner installativen Performance VANITAS einer der Preisträger des FAVORITEN Festivals Dortmund 2018. Die Begründung der Jury: „Mit seiner hochformalisierten, aber dennoch immersiven und somit starken Setzung eröffnet uns Sebastian Blasius in VANITAS eine Verknüpfung zwischen dem bürgerlichen Mittagsessentisch und dem Horrorgenre. Präzise Ensemblearbeit trifft auf einen Raum der posttraumatischen Erinnerung, der durch unsere Körper und an unseren Körpern erfahrbar wird.“

Im Wintersemester 2018/19 ist Sebastian Blasius Gastdozent am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus Liebig Universität, Gießen.

Aktuell erschienen: Der Sammelband TO DO AS IF – Realitäten der Illusion im zeitgenössischen Theater, hrsg. von André Eiermann. Darin der Textbeitrag von Sebastian Blasius: „Den Idioten sehen, der glaubt“.

 

CHIMAIRA (2016)

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CHIMAIRA ist eine Arbeit an der Grenze von Installation und Performance. Alle 30 Minuten kann ein einzelner Zuschauer den Raum betreten, wo er von einem großen weißen Quadrat auf dem Boden und liturgischen Gesängen empfangen wird. Hier beginnt ein Spiel mit der Frage, inwiefern die Prozesse im Raum für ihn inszeniert sind oder durch ihn erst hervorgebracht werden: So verursachen die Bewegungen des Besuchers subtile, technizistisch anmutende Sounds und begleiten seine Schritte, zugleich wird er nach einiger Zeit von diesen Sounds mit beeinflusst. Ist man also wirklich allein? Ist man Zuschauer, Beobachteter, Performer oder alles gleichzeitig? Und wer ist die grazile ältere Dame, die plötzlich auftaucht, einen anlächelt, eine Pflanzenfabel spricht und wieder ihrer Wege geht – ein gealterter Klon, eine Schimäre, eine Allegorie, ein Cyborg? Im Zusammenspiel von Sound, Licht, Installation und Performance befragt die Arbeit die Identität des Humanen im Spannungsfeld von Digitalisierung, Posthumanismus und der Fehlbarkeit des Menschen.

„Intensiver kann eine Theatererfahrung kaum sein. Irritierender auch nicht.“
Bonner Generalanzeiger

Regie und Raum: Sebastian Blasius
Performance: Brigitta Schirdewahn
Dramaturgie: Daniel Franz
Sound: Tobias Rosenberger, Klaus Janek

M O B I L E (2015)

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Die Zuschauer befinden sich zusammen mit den Tänzern auf einem raumgreifenden Bodenbild, in der Mitte steht ein roter Buzzer. Wird er gedrückt, erklingt ein Sound, Tänzer beginnen sich zu bewegen, das Licht verändert sich. Zusehends entfaltet sich ein Nebeneinander aus Elementen der Sub- und Hochkultur, des zeitgenössischen Tanzes, der Wellness, des Maschinehaften und des Kommerzes, das auch die Besucher immer mehr einbindet. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ein Alternative-Beat à la ‚Die Antwoord‘ läd zum Tanzen ein, aber tanzt man noch mit, wenn sich Werbe-Jingles unter den Beat mischen? Wie lässt sich in dieser Gleichzeitigkeit, in diesen hybriden Konstellationen relevant agieren? In Verbindung von Choreographie, Installation und Sound versucht M O B I L E die Ambivalenzen der Prinzipien des Mobilen und Hybriden spürbar werden zu lassen.

Choreografie auf Knopfdruck – das sorgt für Druck beim umstehenden Publikum. Der rote Knopf etwa in der Mitte des Raums, den das Publikum gemüßigt ist zu drücken, simuliert den Fortgang der Welt durch Aktivierung einer Maschine, als wäre dies die ganz große Allegorie unserer Weltsicht. (…) Wenn das Publikum den Knopf drückt, um den Fortgang der Choreografie M O B I L E von Sebastian Blasius zu fordern, dann erwartet es wohl eine Fortsetzung der Geschichte, eine lineare Entwicklung als Fortschritt oder Besserung der Verhältnisse. Aber nichts tritt ein, (…) weil dies der Realität auch weit eher entspricht als der Versuch, den Ausgang der Geschichte durch das permanente Erhöhen des Drucks durch Verlangen nach noch mehr Gehorsam, Moral oder Gesetzen zu beeinflussen.“
Arnd Wesemann (Chefredakteur „tanz“)

Konzept, Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Raum: Ralf Ziervogel
Sound: Björn SC Deigner
Performance: Joris Camelin, Martin Hansen, Zufit Simon, Maya Weinberg u.a.

HYPERION ++ (2015)

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Ein Solo-Projekt mit Jan Dieter Schneider („Die andere Heimat“) zu Politik und Ästhetik

Wie kann das Theater politisch relevant handeln? Um dieser Frage nachzugehen, collagiert der Abend HYPERION++ Texte von Hölderlin, Büchner und des Comité Invisible, denen Jan Dieter Schneider in diesem Soloabend nuancenreich nachspürt. Man hört – in hymnischer Sprache – Rassentheorien des späten 18. Jahrhunderts und im nächsten Moment Aufrufe zur Revolution, die kurz darauf wieder verhallen. Oder doch nicht?  Der Theaterabend HYPERION ++ lotet den Schwebezustand zwischen Deklamation, Agitation, Handlungsverzicht und Melancholie aus.
In Edgar Reitz‘ preisgekröntem Film „Die andere Heimat“ (2013) spielte Jan Dieter Schneider die Hauptfigur des Jakob Simon, die eine Form des Widerstands gegen die Prämisse der Nützlichkeit leistet. Vielleicht, so die These des Abends, lässt sich durch die Betonung des Ästhetischen das Gegenteil des agitativen Widerstands herbeiführen und stattdessen ein viel größerer Zweifel an den gegenwärtigen Lebensbedingungen formulieren.

Regie: Sebastian Blasius
Performance: Jan Dieter Schneider