APPROPRIATION. PARASITEN. KRAPP’S LAST TAPE (2009-10)

Die Inszenierung APPROPRIATION. PARASITEN. KRAPP’S LAST TAPE beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktion einer historischen Sprechtheater-Inszenierung. Als Vorlage dient Samuel Becketts eigene Inszenierung seines „Das letzte Band“ (1969) mit dem Schauspieler Martin Held: Die Figur des Krapp hört ihre vor Jahrzehnten besprochenen Bänder ab, setzt sich mit dem Abwesenden auseinander und macht es zugleich akustisch präsent. In dieser Arbeit greift der Tänzer Ludger Lamers auf die Bewegungssprache- und abfolge Martin Helds als Krapp zu und verhandelt dabei tanzspezifische Fragen nach Aneignung, Erinnerung und Fremdheit.
Zusätzlich zur Performance Ludger Lamers‘ arbeitet die Aufführung mit der Tonspur der historischen Inszenierung: Aus um das Publikum herum aufgestellten Lautsprechern hört man die Schritte, die Laute, das Sprechen, die Bandaufnahmen des abwesenden Martin Held. Diese historische Tonspur lässt dessen spezifische Körperlichkeit erahnen: Sein Schlurfen und Schmatzen etwa sind Indizien eines massigen, schwerfälligen Körpers, der sich deutlich vom filigranen Tänzerkörper Ludger Lamers‘ auf der Bühne unterscheidet. Die Trennung von Sprache und Körper eröffnet die Möglichkeit, sich selbst beim Sehen zu beobachten – als jemand, der beruhigende Nahtlosigkeit und Deckungsgleichheit begehrt, aber auch als jemand, der Gegenwärtiges nur wahrnehmen kann, indem er es mit eigener, persönlicher Erinnerung kurzschließt.

„Sebastian Blasius beweist, dass ein Rekonstruktionsexperiment vergangener Aufführungen aufschlussreiche, ja sogar verstörende neue Stücke hervorbringen kann. (…) Mit seinen Inszenierungen steckt Blasius einen Bereich künstlerischer Forschung ab, der gleichermaßen in Vergangenheit und Gegenwart verankert ist. (…) Er schafft es, die blinde Fixierung auf zukünftige Zeiten zu durchbrechen und durch eine, so paradox das klingen mag, in die Zukunft zielende Rückschau zu ersetzen.“
Timmy De Laet, Theater der Zeit (Ausgabe 2011)

Regie/Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Performance: Ludger Lamers
Sound: Björn SC Deigner
Licht: Katharina Runte