PRESENT CONTINUOUS PAST(S) (2011)

Junger Mann in Tanzpose auf Bühne

Hat Theater nicht viel mehr mit dem Tod zu tun als mit seiner vielbeschworenen Gegenwärtigkeit und Unmittelbarkeit – etwa durch seine Flüchtigkeit? 2003 standen in der Inszenierung DEADLINE des Regie-Kollektivs ‚Rimini Protokoll‘ Personen auf der Bühne, die aus ihren Berufen innerhalb unserer Sterbekultur berichteten und über ihren eigenen Tod nachdachten – jene so genannten ‚Experten des Alltags‘, die aufgrund ihrer mangelnden Virtuosität oftmals als umso ‚wahrhaftiger‘ wahrgenommenen werden.
In PRESENT CONTINUOUS PAST(S) rekonstruiert und erforscht der professionelle Tänzer Benjamin Schoppmann die Bewegungen und Sprechweisen dieser nun ab­wesenden Bühnen-Laien und setzt sie zugleich aufs Spiel. Was entsteht, wenn ein Tänzer sich mit den Bewegungen jener Nicht-Profis auf der Bühne auseinandersetzt, wenn er mitunter ihre ‚authentischen‘ Gesten minutiös nachbaut, als handle es sich dabei um eine Choreographie? PRESENT CONTINUOUS PAST(S) ist eine Arbeit über Theater und Tod, über das Konstrukt Wahrhaftigkeit und die gespenstische Präsenz des Vergangenen in einer gegenwärtigen Bühnensituation.

„Ziemlich schnell wird deutlich, dass es keineswegs um mimetische Prozesse, ein Nachspielen von ‚Deadline‘ geht (…). Vielmehr steht die Frage nach einer möglichen Transformation / Adaption des Vergangen für die Gegenwart, bis hin zu einer (möglichen) Zukunft, die stattgefunden haben könnte, im Vordergrund (…). Von einem bestimmten Stück ausgehend, das scheinbar vor allem durch die Anwesenheit der „authentischen“ Experten lebt, gelingt es Blasius somit einen Möglichkeitsraum zu öffnen, indem er die Markenzeichen von Rimini Protokoll in einem völlig neuen Rahmen aufs Spiel setzt.“
Reinhard Strobl, Corpusweb

Regie/Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Performance: Benjamin Schoppmann

APPROPRIATION. PARASITEN. KRAPP’S LAST TAPE (2009/10)

Mann mit Requisiten am Tisch

Die Inszenierung APPROPRIATION. PARASITEN. KRAPP’S LAST TAPE beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktion einer historischen Sprechtheater-Inszenierung. Als Vorlage dient Samuel Becketts eigene Inszenierung seines „Das letzte Band“ (1969) mit dem Schauspieler Martin Held: Die Figur des Krapp hört ihre vor Jahrzehnten besprochenen Bänder ab, setzt sich mit dem Abwesenden auseinander und macht es zugleich akustisch präsent. In dieser Arbeit greift der Tänzer Ludger Lamers auf die Bewegungssprache- und abfolge Martin Helds als Krapp zu und verhandelt dabei tanzspezifische Fragen nach Aneignung, Erinnerung und Fremdheit.
Zusätzlich zur Performance Ludger Lamers‘ arbeitet die Aufführung mit der Tonspur der historischen Inszenierung: Aus um das Publikum herum aufgestellten Lautsprechern hört man die Schritte, die Laute, das Sprechen, die Bandaufnahmen des abwesenden Martin Held. Diese historische Tonspur lässt dessen spezifische Körperlichkeit erahnen: Sein Schlurfen und Schmatzen etwa sind Indizien eines massigen, schwerfälligen Körpers, der sich deutlich vom filigranen Tänzerkörper Ludger Lamers‘ auf der Bühne unterscheidet. Die Trennung von Sprache und Körper eröffnet die Möglichkeit, sich selbst beim Sehen zu beobachten – als jemand, der beruhigende Nahtlosigkeit und Deckungsgleichheit begehrt, aber auch als jemand, der Gegenwärtiges nur wahrnehmen kann, indem er es mit eigener, persönlicher Erinnerung kurzschließt.

„Sebastian Blasius beweist, dass ein Rekonstruktionsexperiment vergangener Aufführungen aufschlussreiche, ja sogar verstörende neue Stücke hervorbringen kann. (…) Mit seinen Inszenierungen steckt Blasius einen Bereich künstlerischer Forschung ab, der gleichermaßen in Vergangenheit und Gegenwart verankert ist. (…) Er schafft es, die blinde Fixierung auf zukünftige Zeiten zu durchbrechen und durch eine, so paradox das klingen mag, in die Zukunft zielende Rückschau zu ersetzen.“
Theater der Zeit

Regie/Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Performance: Ludger Lamers
Sound: Björn SC Deigner
Licht: Katharina Runte