VERHALTET EUCH RUHIG (2014)

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Ein 6-Stunden-Format über Widerstand, Kunst und Möglichkeiten des Partizipierens und Zuschauens
U.a. mit Erdem Gündüz, dem „Standing Man“ vom Taksim Platz

Was geschieht, wenn man Elemente realer Aufstände in den Kontext der Kunst überführt? Wenn wir Sprechchören vom Tahrir-Platz, Aufrufen zum Ungehorsam, dem ‚Standing Man‘ vom Taksim-Platz im Museum wiederbegegnen? Kann Kunst in besonderem Maße widerständig sein, wenn sie Formen des realen Protests in sich aufnimmt? Oder kann die Kraft der Revolte auch Konventionen der Kunst sprengen? VERHALTET EUCH RUHIG ist ein 6-stündiges Langzeit-Format an der Grenze von Choreographie und Bildender Kunst, bei dem die Besucher*innen den Zeitpunkt ihres Kommens und Verlassens selbst bestimmen können.
Teil des Projekts ist, Erdem Gündüz, der im Rahmen der Proteste um den Gezi-Park 2013 als ‚Standing Man‘ vom Taksim Platz zur Ikone des gewaltfreien Widerstands wurde, einzuladen und sein mehrstündiges Stehen in einem Raum der Kunst zu wiederholen, es zu re-enacten. Besucher können sich solidarisch dazustellen oder die Akteurwerdung anderer von außen betrachten, so dass die Performance zwischen Aktivismus und choreografischer Formation zu changieren beginnt und ein Schwebezustand zwischen Musealisieren und Reaktivieren von Gündüz` Protestgeste entsteht.
Das Projekt unterläuft die klassische Trennung von Zuschauern und Ausführenden und befragt die Möglichkeit von politischer Veränderung sowohl durch Aufstände als auch durch ein künstlerisches Medium.

„Die Performer zitieren sich (…) wechselseitig, antworten aufeinander und stecken mit ihrem Tun womöglich auch einige Beobachter an. Parallel zum Geschehen spuckt ein Apparat einzelne Blätter des Traktats ‚Der kommende Aufstand‘ aus. Die Anlage der Performance ermöglicht Teilhabe und Zusammenschluss, sie eröffnet dank einer gewissen Unbestimmtheit einen Assoziationsraum mit vielen Verknüpfungsmöglichkeiten.“
„tanz“, 07/2015

Konzept/Realisierung: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Raum: Ralf Ziervogel
Sound: Christoph Korn
Mit: Erdem Gündüz (‚Standing Man‘ vom Taksim Platz), Jan Dieter Schneider, Antje Velsinger, Maya Weinberg, Eduard Mont de Palol, Brigitta Schirdewahn, Brygida Ochaim

ERASING CAFÉ M (2013)

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Drei Tänzer*innen durchqueren Pina Bauschs prominente Choreografie „Café Müller“ und greifen emblematische Gesten auf. Im Kopf des Zuschauers wird sofort eine Bildmaschine losgetreten: Die sehnsuchtsvoll vor dem Körper geöffneten Handflächen lassen Bilder von christlicher Ikonographie bis zu Zombie-Filmen imaginär entstehen. Doch dann beginnen die Tänzer*innen, das Material zu unterbrechen und mit eigenen Fragestellungen zu besetzen. Zwei parallele Prozesse auf der Bühne werden initiiert, die Bewegungen aus „Café Müller“ werden mehr und mehr ausgelöscht und überlagert, ähnlich dem Vorgang des Wiederbeschreibens.
Spätestens seit Wim Wenders‘ Hommage PINA hat sich „Café Müller“ in unser kulturelles Gedächtnis eingeprägt. Die Choreografie wird gern als eine nostalgische Liebesklage gelesen, in welcher Verlust betrauert, Nähe und Verlorenes gesucht wird, in der man sich umarmen, spüren, verletzen, schützen und lieben will. Das Stück entspricht dem, wie wir in unserer Kultur auf Vergangenes zu schauen. ERASING CAFÉ M ruft diesen spezifischen Modus des Erinnerns auf, um ihn zu befragen, fragil werden zu lassen und alternative Möglichkeiten zu eruieren, mit Vergangenem und Verlorenem umzugehen.

„Schon der Raum besticht. (…) Blasius und sein Dramaturg Daniel Franz reduzieren bis zur Essenz. (…) Wie verschobene Zitate: Wenn die Tänzer in großen Sätzen von einer Ecke zur anderen spurten, dass der Bühnenboden kracht, hört und sieht man förmlich bei Bausch die Stühle fallen. Kontrastiv dagegen gesetzt sind abgewinkelte Posen und Schwünge aus dem Modern Dance. Vielleicht funktioniert ERASING CAFÉ M deswegen so gut, weil etwas, das man auslöschen will, zunächst einmal vorhanden sein muss. Hier wird nicht mühsam verhandelt, was man überhaupt erinnern kann, sondern souverän mit dem gespielt, was man hat.“
Münchner Feuilleton

Choreographie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Raum: Ralf Ziervogel
Sound: Christoph Korn
Tanz: Maya Weinberg, Joris Camelin, Yaara Dolev

WOYZECK ÜBERSCHREIBEN (2012)

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Vier Tänzer*innen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen rekonstruieren die Bewegungen und Sprechweisen von Schauspielern in ihren Verkörperungen des ‚Woyzeck‘-Personals verschiedener früherer Inszenierungen und entwickeln daraus eine Choreographie. Als was können die historischen Gesten eines Schauspielers lesbar werden, wenn Tänzer*innen sie rekonstruieren, re-enacteten, nachschreiben in dem Bewusstsein, dass es sich um das Material Abwesender handelt? Welche Körper, welche Identitäten, welche Präsenzen bringt diese Konfrontation hervor?
WOYZECK ÜBERSCHREIBEN ist ein Palimpsest, in dem historische und fiktionale Anteile aus früheren ‚Woyzeck‘-Inszenierungen mit choreographischen und philosophischen Fragestellungen wechselwirken und Büchners „vielfach vom Theater geschundenen Text“ (Heiner Müller), gleichsam aus verschiedenen Quellen montiert, neu erfahrbar machen. Die Arbeit ist der 3. Teil einer Recherche, die nach den Möglichkeiten fragt, historisches Inszenierungsmaterial zu erinnern und zu übermalen, um gerade dadurch den Raum für eine aktuelle Auseinandersetzung zu öffnen.

„Kann man dem Stück heute noch neue Sichtweisen abringen? Man kann. (…) Was man zu sehen bekommt, sind gewollt blutleere, stockende und stotternde Körperhüllen. Mit anderen Worten: Schauspielergespenster. (…) ‚Woyzeck überschreiben‘ ist (…) in seinen besten Momenten so seltsam und kurios, dass man sich verwundert die Augen reibt und zu grübeln beginnt: über den ‚Woyzeck‘ und über Theater als solches.“
Süddeutsche Zeitung

Regie/Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Bühne/Kostüme: Cristina Nyffeler
Licht: Andreas Mihan
Sound: Rupert Jaud
Performance: Sigal Zouk, Arantxa Martinez, Eduard Mont de Palol, Ludger Lamers

PRESENT CONTINUOUS PAST(S) (2011)

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Hat Theater nicht viel mehr mit dem Tod zu tun als mit seiner vielbeschworenen Gegenwärtigkeit und Unmittelbarkeit – etwa durch seine Flüchtigkeit? 2003 standen in der Inszenierung DEADLINE des Regie-Kollektivs ‚Rimini Protokoll‘ Personen auf der Bühne, die aus ihren Berufen innerhalb unserer Sterbekultur berichteten und über ihren eigenen Tod nachdachten – jene so genannten ‚Experten des Alltags‘, die aufgrund ihrer mangelnden Virtuosität oftmals als umso ‚wahrhaftiger‘ wahrgenommenen werden.
In PRESENT CONTINUOUS PAST(S) rekonstruiert und erforscht der professionelle Tänzer Benjamin Schoppmann die Bewegungen und Sprechweisen dieser nun ab­wesenden Bühnen-Laien und setzt sie zugleich aufs Spiel. Was entsteht, wenn ein Tänzer sich mit den Bewegungen jener Nicht-Profis auf der Bühne auseinandersetzt, wenn er mitunter ihre ‚authentischen‘ Gesten minutiös nachbaut, als handle es sich dabei um eine Choreographie? PRESENT CONTINUOUS PAST(S) ist eine Arbeit über Theater und Tod, über das Konstrukt Wahrhaftigkeit und die gespenstische Präsenz des Vergangenen in einer gegenwärtigen Bühnensituation

„Ziemlich schnell wird deutlich, dass es keineswegs um mimetische Prozesse, ein Nachspielen von ‚Deadline‘ geht (…). Vielmehr steht die Frage nach einer möglichen Transformation / Adaption des Vergangen für die Gegenwart, bis hin zu einer (möglichen) Zukunft, die stattgefunden haben könnte, im Vordergrund (…).Von einem bestimmten Stück ausgehend, das scheinbar vor allem durch die Anwesenheit der „authentischen“ Experten lebt, gelingt es Blasius somit einen Möglichkeitsraum zu öffnen, indem er die Markenzeichen von Rimini Protokoll in einem völlig neuen Rahmen aufs Spiel setzt.“
Reinhard Strobl, Corpusweb

Regie/Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Performance: Benjamin Schoppmann

APPROPRIATION. PARASITEN. KRAPP’S LAST TAPE (2009/10)

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Die Inszenierung APPROPRIATION. PARASITEN. KRAPP’S LAST TAPE beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktion einer historischen Sprechtheater-Inszenierung. Als Vorlage dient Samuel Becketts eigene Inszenierung seines „Das letzte Band“ (1969) mit dem Schauspieler Martin Held: Die Figur des Krapp hört ihre vor Jahrzehnten besprochenen Bänder ab, setzt sich mit dem Abwesenden auseinander und macht es zugleich akustisch präsent. In dieser Arbeit greift der Tänzer Ludger Lamers auf die Bewegungssprache- und abfolge Martin Helds als Krapp zu und verhandelt dabei tanzspezifische Fragen nach Aneignung, Erinnerung und Fremdheit.
Zusätzlich zur Performance Ludger Lamers‘ arbeitet die Aufführung mit der Tonspur der historischen Inszenierung: Aus um das Publikum herum aufgestellten Lautsprechern hört man die Schritte, die Laute, das Sprechen, die Bandaufnahmen des abwesenden Martin Held. Diese historische Tonspur lässt dessen spezifische Körperlichkeit erahnen: Sein Schlurfen und Schmatzen etwa sind Indizien eines massigen, schwerfälligen Körpers, der sich deutlich vom filigranen Tänzerkörper Ludger Lamers‘ auf der Bühne unterscheidet. Die Trennung von Sprache und Körper eröffnet die Möglichkeit, sich selbst beim Sehen zu beobachten – als jemand, der beruhigende Nahtlosigkeit und Deckungsgleichheit begehrt, aber auch als jemand, der Gegenwärtiges nur wahrnehmen kann, indem er es mit eigener, persönlicher Erinnerung kurzschließt.

„Sebastian Blasius beweist, dass ein Rekonstruktionsexperiment vergangener Aufführungen aufschlussreiche, ja sogar verstörende neue Stücke hervorbringen kann. (…) Mit seinen Inszenierungen steckt Blasius einen Bereich künstlerischer Forschung ab, der gleichermaßen in Vergangenheit und Gegenwart verankert ist. (…) Er schafft es, die blinde Fixierung auf zukünftige Zeiten zu durchbrechen und durch eine, so paradox das klingen mag, in die Zukunft zielende Rückschau zu ersetzen.“
Theater der Zeit

Regie/Choreografie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Daniel Franz
Performance: Ludger Lamers
Sound: Björn SC Deigner
Licht: Katharina Runte